Alles anzeigenDas mag ja dein Gefühl sein aber es gibt keine unterschiedliche Programmierung bei Yamaha "Hydroaggregaten", so nennen die ihre ABS-Module. Bei Stillstand des Rades beginnt das ABS zu regeln, mehr ist da nicht programmiert.
Hatte erst kürzlich bei einer Fahrschul MT07 einen Überschlag. Die hat das gleiche Hydroaggregat wie die Tracer7 aber eine andere Geometrie.
Die Argumentation ist so nicht ganz richtig, denn selbst wenn das gleiche ABS-Modul und das gleiche ABS-Steuergerät verbaut ist, heißt es doch noch lange nicht, dass softwareseitig auch die gleichen Eingriffszeiten programmiert sind.
Es ist leicht daher gesagt, dass das ABS anfängt zu regeln, wenn das Rad blockiert. Rein messtechnisch gesehen ist es aber gar nicht möglich nur anhand der Signale vom ABS-Sensor festzustellen, ob ein Rad tatsächlich blockiert oder nicht. Vom ABS-Sensor selbst und in Verbindung mit dem ABS-Ring kommt ja während der Fahrt letztendlich erstmal nur über einen gewissen Zeitraum ein Signal und anschließend über einen gewissen Zeitraum kein Signal und dann wieder ein Signal und dann wieder kein Signal usw. usw. usw.
Bsp.: Angenommen ich fahre konstant 100 km/h und bei 100 km/h kommt vom ABS-Sensor regelmäßig alle 10 ms ein Signal. Plötzlich mache ich eine Vollbremsung woraufhin nach 100 ms immer noch kein Signal vom ABS-Sensor kommt. Woher weiß das ABS-System, dass das Rad bereits blockiert und sich nicht einfach nur vielleicht 10 mal langsamer dreht als vorher oder ich vielleicht schon den Bremsvorgang beendet habe und bereits mit dem Motorrad zum Stillstand gekommen bin?
Das ABS weiß von selbst erstmal nichts und auch nicht wieviel Zeit bis zum nächsten Signal vom ABS-Sensor bei einer Vollbremsung aus 100 km/h vergehen darf, bevor das Rad blockiert und es den Bremsdruck verringern muss. Sind es 100 ms, 50 ms, 25 ms oder 10 ms? Das ABS weiß nicht wie lang es dauert ein Motorrad von 100 km/h auf 0 zu verzögern.
Die zeitlichen Kriterien, die entscheiden, ob ein ABS in den Bremsvorgang eingreift oder nicht, müssen deshalb erstmal vorab durch eine entsprechende Programmierung des ABS-Steuergerätes vordefiniert werden.
Durch die Wahl von Grenzwerten, kann der Hersteller dann festlegen, wie früh oder wie spät ein ABS regulierend in einen Bremsvorgang eingreifen soll. Werden die Eingriffszeiten größer gewählt, lässt das ABS mehr Schlupf zu und ermöglicht so besonders im trockenen eine bessere Verzögerung. Die Nachteile sind dann aber ggf., dass ein Motorrad während einer Vollbremsung im trockenen eher zu einem Stoppie neigen kann und das ABS dann auch im nassen etwas zu spät eingreift und das Rad zu lang blockiert.
Werden die Eingriffszeiten kleiner gewählt, lässt das ABS weniger Schupf zu, wodurch zwar bei einer Vollbremsung im trockenen weniger Verzögerung erreicht wird, aber das Motorrad während des Bremsvorgangs im trockenen und auch im nassen stabiler und vor allem kontrollierbarer bleibt.
Ein Hersteller wie Honda hat z.B. in der Vergangenheit häufig sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Motorräder in jeder Situation gut kontrollierbar sind und zum Leid von Hobbyrennstreckenfahrern selbst bei ihren Supersportlern die Eingriffszeiten vom ABS recht kurz gewählt, sodass das ABS recht früh eingegriffen hat.
Ein Hersteller wie Ducati hat z.B. bei der Abstimmung des ABS eher den sportlichen Ansatz verfolgt und in der Vergangenheit bei manchen Modellen auch bewusst Stoppies zugelassen.
Bei aktuellen Motorrädern gibt es sogar mittlerweile unterschiedliche Kennlinien mit unterschiedlichen Eingriffszeiten, die im ABS-Steuergerät hinterlegt sind, welche dann teils fest an Fahrmodi gekoppelt sind oder auch manuell vom Fahrer ausgewählt werden können.
Zu glauben, dass das ABS keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Stoppieneigung eines Motorrades haben kann, da es eh immer erst auslöst, wenn das Rad blockiert, ist so nicht richtig. Denn die vom Hersteller gewählte Abstimmung des ABS kann sehr wohl einen Einfluss auf die Stoppieneigung eines Motorrads haben und wird vom Hersteller nicht selten auch explizit so ausgelegt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Stoppie so gering wie möglich ist.
Das Gefühl von Graezer, dass die Regelung des Stillstandes deutlich unterschiedlich behandelt und programmiert wird, ist daher nicht nur ein Gefühl.